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Abschied von Elsie Levy

Die Arbeitsgruppe Stolpersteine in Büttelborn verliert nach Marie Beißwenger, die bereits 2014 verstarb, die letzte Zeitzeugin aus den Jahren 1933 bis 1945. Elsie Levy geb. Hirsch aus der Weiterstädter Straße 12 verstarb am 19. Dezember 2020 in einer Seniorenresidenz in St. Louis, USA. Sie wurde am 2. Juli 1917 in Büttelborn als drittes Kind der Eheleute Leopold und Johanna Hirsch geboren.  

Der älteste Sohn Ferdinand hatte das Glück, durch Freunde der Familie eine Bürgschaft für die USA zu erhalten, wohin er 1935 auswanderte. Sein Bruder Ludwig folgte ein Jahr später; beide lebten in New York. 1937 verkauften die Eheleute Hirsch ihr Anwesen und zogen nach Crumstadt zum damals kranken Vater der Ehefrau Johanna, einer geborenen Bruchfeld. Die Tochter Elsie gelangte 1938 vor dem 9. November durch ihre Brüder ebenfalls nach New York, wo die gelernte Schneiderin ihren Lebensunterhalt mit Nähen verdiente.  

Noch in Deutschland hatte sie den aus Trebur stammenden Juden Carl Levy kennengelernt. Er war ebenfalls in die USA geflohen und lebte in St. Louis. Als er hörte, dass Elsie Hirsch in New York war, schrieb er ihr, sie möge zu ihm kommen, was sie auch tat und ihn dort heiratete; er verstarb 2008. Die Eltern Leopold und Johanna Hirsch bemühten sich um ein Visum für die USA, das die Mutter erhielt, für den Vater jedoch wegen seines Magenleidens abgelehnt wurde; er hätte eine Einreisegenehmigung erhalten, wenn für ihn eine hohe Kaution hinterlegt worden wäre, die seine Kinder aber nicht aufbringen konnten. So blieb auch die Mutter. Beide wurden über Darmstadt nach Theresienstadt und später nach Auschwitz verschleppt, wo sie verschollen sind.  

Elsie Levy stand seit Kriegsende in regem Kontakt zu ihrer Freundin aus Kindertagen in Büttelborn, Marie Beißwenger, die die Familie Hirsch trotz aller Gefahren unterstützte, solange diese in Büttelborn wohnte. Während Frau Beißwenger ihre Freundin sieben Mal in St. Louis besuchte, weigerte sich Elsie Levy zunächst, Deutschland wieder zu betreten. Erst im November 1988 anlässlich des 50. Jahrestages der Reichspogromnacht kamen sie und ihr Ehemann auf Einladung der Gemeinde Büttelborn und der damaligen Friedensgruppe in ihren Heimatort. Die Eheleute Levy besuchten auch Trebur, wo noch zahlreiche Bekannte von Carl lebten, die ihn herzlich begrüßten.  

Für die Familie Hirsch wurden 2011 Stolpersteine verlegt. An der Zeremonie nahmen Enkel und weitere Verwandte von Elsie Levy teil.  An Carl Levy und seine Familie  wurde 2014 mit Stolpersteinen in Trebur erinnert. 

In den folgenden Jahren besuchten die Enkel von Frau Levy mehrmals Büttelborn. Umgekehrt waren Mitglieder der Stolpersteingruppe Büttelborn öfter Gast bei Elsie Levy in St. Louis, zunächst in deren eigenem Haus, später in ihrer Seniorenresidenz. Der Kontakt zu ihren Nachkommen, die wiederholt in Büttelborn waren, besteht und wird wohl auch fortdauern. 

Elsie war eine lebenspraktische Frau mit feinem Humor, die sich in den USA stets nur als Gast fühlte. Den Verlust ihrer Heimat hatte sie niemals verschmerzt. Umso wichtiger war ihr der Kontakt zu ihrer Schulfreundin und später zur Stolpersteingruppe. Auch der Umstand, dass sie nicht in der Lage war, die Kaution für ihren Vater aufzubringen, belastete sie stets mit Schuldgefühlen. Ihren Frieden mit der „Obrigkeit“ in Deutschland machte sie erst, als sich der damalige Bürgermeister Horst Gölzenleuchter anlässlich der Stolpersteinverlegung 2011 für die im Nationalsozialismus verübten Verbrechen entschuldigte. Eine Videoaufnahme seiner Rede schaute sie sich immer wieder an. 

An der Trauerfeier auf dem Friedhof nahmen wegen der Corona-Einschränkungen nur wenige Menschen teil; man konnte sie per Zoom live miterleben. Im Lebenslauf von Elsie Levy ging die Rabbi sehr ausführlich auf das Vertreibungsschicksal der Familie Hirsch ein, aber auch auf die Bedeutung, die die Verlegung der Stolpersteine und die Erinnerungskultur in Büttelborn für Elsie hatte. Der am Abend stattfindende Schiwa-Minjan (der Beginn der siebentägigen Trauer) fand ebenso per Videoschaltung statt. Die Familie bedankte sich danach ausdrücklich bei der Stolpersteingruppe Büttelborn für die langjährigen Kontakte zu Frau Levy, die ihr viel bedeutet hätten.